Biel als Labor und Fallbeispiel

Raumplanung: Wie soll es mit Biel weitergehen? Das haben sich die 22 aufgeweckten Studierenden gefragt, die zurzeit den Raumplanungskurs der ETH besuchen. Sie sollen dort lernen, wie man Planungsanalysen macht.

Geplante Linienführung durch Nidau und Biel

Was Biel hat und was ihm fehlt, darüber waren sich alle ziemlich einig: Die günstige Lage zwischen Basel, Zürich, Bern und Lausanne, die attraktive Landschaft, die leistungsfähige Präzisionsindustrie, die Zweisprachigkeit, aber auch der verrottete Baubestand, die vielen Sozialempfänger, der überbordende Verkehr. All das ist längst bekannt. Bemerkenswert daran ist bloss der Unterschied in der Fremd- und der Eigensicht. Von aussen sehen die künftigen Raumplaner in Biel Chancen, im Innern nörgeln die Bieler über die schleichende Katastrophe.

Das Regiotram selbstverständlich haben die analysierenden Studenten ebenfalls unter die Lupe genommen und festgestellt: Es fährt am falsche Ort durch.

Hütet Euch vor dem Seefelskreisel!
Selbstverständlich gilt auch für Biel das neue Erlösungswort «Verdichten». Je nach der Prognose, an die man glaubt, wächst die Stadt bis 2035 um 6000 bis 16 000 Einwohner. Die finden Platz – das ist das erste Ergebnis der Untersuchungen. Die Reserven sind da. Sie müssen Platz finden, denn das Ziel ist, die Zersiedlung zu bremsen. Die Stadt soll nicht mehr in Siselen oder Diessbach wachsen, sondern in Biel selber.

«Zwischen Bau-Boom und Verkehrschaos», so beschrieb Biels heutigen Zustand eine der Präsentationen, die letzten Freitag auf dem Hönggerberg vorgestellt wurden. Offensichtlich ist der Verkehr, namentlich der Individualverkehr, sprich die Lastwagen auf der Kanalgasse, Biels dringendstes Problem. Doch die Erlösung naht. 2017 wird der Ostast der Nationalstrasse A5 eröffnet, was Entlastung verspricht. Die Begleitmusik sind die flankierenden Massnahmen. Doch was Stadt und Kanton vorgesehen haben, wird nach der Meinung der Absolventen nicht ausreichen. Eine Gruppe schlägt kühn vor, die Kanalgasse für den Durchgangsverkehr zu sperren und in eine Fussgängerzone zu verwandeln.

Was lernt der Stadtwanderer daraus? Zweierlei. Für die Chance, die die Eröffnung des Ostasts eröffnet, gibt es in Biel noch kein Bewusstsein. Noch schläft die Politik, und die Verwaltung werkelt. Erwachet! Darüber hinaus denkt der Stadtwanderer mit Schaudern an das Verkehrschaos, das nach 2017 ausbrechen wird. Mindestens zehn Jahre lang wird der Verkehr auf der Ländtestrasse anschwellen und auf der Kanalgasse nicht abnehmen. Hütet Euch vor dem Seefelskreisel!

Die Zeit nach dem fertigen Ostast und dem Westast im Bau verspricht Ungemach. Die künftigen Raumplaner haben erkannt: Hier helfen nur mutige Massnahmen, mit «Vo-allem-ä-chli» ist hier nichts gewonnen.

Schüss, Regiotram und Baubestand
Die Schüss hats ihnen angetan. Der graue Kanal soll Biels grünes Rückgrat werden. Auf die ganze Länge braucht es eine durchgehende Verbindung für die Fussgänger und den Langsamverkehr, doch das genügt nicht. Die starren Mauern, die den Kanal einsperren, sollen Sitzstufen weichen, anders herum, man findet das Wasser nicht bloss am Seeufer, sondern genauso in der Stadt, wenn man es mit entwerferischen Augen sucht.

Das Regiotram selbstverständlich haben die analysierenden Studenten ebenfalls unter die Lupe genommen und festgestellt: Es fährt am falsche Ort durch. Eine Linienführung weiter nördlich auf der Heilmann- und Bözingenstrasse bis zu den Stades de Bienne würde mehr Nutzen bringen. Das mag sein, nur ist nicht die nützlichste Linienführung die beste, sondern die politisch durchsetzbare. Immerhin, klar ist den jungen Planern, dass ein provisorischer Schnellbus auf demselben Trassee eingerichtet werden sollte, bevor das Regiotram gebaut wird.

Warum leidet Biel am verotteten Baubestand? Weil der Verkehr ihn unattraktiv macht. Also muss zuerst der Verkehr weg, siehe oben, dann aber soll die Stadt mit den Eigentümern ein Aufwertungsprogramm starten, das vom Mehrwert bezahlt wird, den die Verkehrsberuhigung bringt. Vorangetrieben wird dieser Aushandlungsprozess von einem Gebietsmanager, den die künftigen Planer fordern. Glauben sie, die heutige Stadtplanung sei dieser Aufgabe nicht gewachsen?

Zum Schluss noch eine Entwarnung: Das Gebiet des Rangierbahnhofs kann warten. Noch gibt es genügend Landreserven für die 16 000 Neuzuzüger. Das Areal ist eine strategische Reserve, sprich, kann noch 30 Jahre warten.

Quelle: Benedikt Loderer, Bieler Tagblatt

Politik, Regiotram Biel, Verkehr

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