Regiotram auf Eis gelegt

Das Projekt Regiotram verschwindet auf unbestimmte Zeit in der Schublade. Der Kanton hat die Planungsarbeiten aus finanzpolitischen Gründen eingestellt.

Sandra Schneider, Stadträtin SVP Biel

Sandra Schneider, Stadträtin SVP Biel

Das Regiotram landet in der Schublade: Die Behördendelegation hat entschieden, die Planungsarbeiten zu sistieren. Die Projektorganisation und die Behördendelegation werden aufgelöst. Im Klartext:Das Regiotram wird vorerst nicht umgesetzt. Das haben die Verantwortlichen am Mittwoch beschlossen.

Begründet wird der Entscheid mit der aktuellen Situation. Es sei zurzeit nicht realistisch, dass das Regiotram in Kürze umgesetzt werde. «Die Verkehrsprobleme in Biel sind wohl doch nicht so schlimm, damit es für einen Konsens reicht, dass es das Regiotram braucht», sagt Biels Stadtpräsident Erich Fehr. Kurzum: «Im Moment ist das Regiotram nicht mehrheitsfähig.»

«Die Zeit ist noch nicht reif»
Bereits Ende 2012 hat der Kanton einen zweijährigen Zwischenstopp eingelegt, um Zeit zu gewinnen und das Regiotram mit der A5-Umfahrung zu koordinieren (siehe Infobox). Zuletzt sprach man davon, dass die Bieler und Nidauer Stimmbürger frühestens 2017 über das Projekt abstimmen können. Ein Urnengang ist jetzt nicht mehr geplant.

«Wir sind zwar überzeugt, dass das Regiotram als langfristige Massnahme für Biel richtig wäre», sagt Fehr. «Aber die Zeit ist noch nicht reif.» Das Nein zum Bahnhofplatz vor drei Wochen habe aber genauso wenig damit zu tun wie das abgelehnte Tram-Projekt in der Stadt Bern.

Leander Gabathuler, Stadtrat SVP Nidau

Leander Gabathuler, Stadtrat SVP Nidau

Vielmehr hat die finanzielle Situation eine Rolle gespielt. Einerseits erschwere das aktuelle Haushaltssanierungspaket der Stadt Biel grosse Projekte. «Der Bevölkerung zu vermitteln, wieso sie jetzt einem Millionen-Projekt zustimmen sollten, das seine volle Wirkung erst in Jahrzehnten entfaltet, ist schwierig.»

Andererseits seien bereits viele Grossprojekte am Laufen, wie zum Beispiel die Tissot-Arena und die Schüssinsel oder später auf der Gurzelen und Agglolac. «Da gilt es, Prioritäten zu setzen», sagt Fehr. Dennoch sei der Entscheid nicht nur von der Stadt Biel getroffen worden, sondern mit der Stadt Nidau, der Gemeinde Ipsach und dem Kanton Bern zusammen. «Wir sind gemeinsam zum Schluss gekommen, dass es nicht der richtige Moment ist.»

Ganz abhaken will man das Regiotram aber noch nicht: Es bleibt als langfristige Massnahme im Regionalen Gesamtverkehrs- und Siedlungskonzept beibehalten. Die bisherigen Arbeiten hätten gezeigt, dass das Regiotram ein sinnvolles Projekt sei. «Es ist für die langfristige Entwicklung der Agglomeration Biel und eine nachhaltige Mobilität von Bedeutung», teilt der Kanton mit. Wann man das Projekt wieder aus der Schublade holt, ist laut Fehr zurzeit aber noch völlig offen.

Gegner sind «hocherfreut»
Die Sistierung freut die Gegner des Regiotrams. Allen voran die Junge SVP Biel-Seeland und die SVP Nidau, die seit Jahren gegen das «Prestige-Projekt» kämpfen. «Wir sind hocherfreut, dass die Vernunft obsiegt hat», teilt die JSVP mit. Das Projekt sei unnötig und mit geplanten Investitionskosten von über 300 Millionen Franken zu teuer. Die JSVP und die SVP Nidau fordern aber, gänzlich auf das Regiotram zu verzichten: Sie kämpfen deshalb weiter dafür, dass es zu einer Abstimmung kommt – in der Hoffnung, das Projekt Regiotram definitiv begraben zu können.

Weniger erfreut ist der Bieler FDP-Stadt- und Grossrat Peter Moser, der sich unter anderem als HIV-Vorstandsmitglied für das Regiotram einsetzte. Der Entscheid kam für ihn aber nicht überraschend. «Er hat sich in den letzten Monaten abgezeichnet, spätestens als das Tram in Bern von Köniz und Ostermundigen abgelehnt wurde.» In den letzten Jahren sei der Widerstand in der Bevölkerung und seitens der Politik stark gewachsen. Zudem habe sich das finanzpolitische Umfeld verändert. «Das Nein zum Bahnhofplatz in Biel hat gezeigt, dass solche Projekte zurzeit keine Chance haben.»

Problem bleibt ungelöst
Damit sorgt die Überlastung der Strassen auch in Zukunft für Stau. «Das Problem bleibt: Wir haben das südliche Bielerseeufer, das sich als Wohnschwerpunkt und das Bözingenfeld, das sich als Arbeitsgebiet entwickelt. Die beiden Gebiete sind zurzeit schlecht miteinander verbunden», sagt Fehr klar.

Das sieht auch Peter Moser so. «Die Leute müssen vom rechten Bielerseeufer ins Bözingenfeld transportiert werden.» Es gelte, ab 2017 die Auswirkungen der A5-Ostumfahrung auf die Verkehrsströme zu analysieren. Aufgrund der Entwicklung der Region werden sich die Engpässe aber auch mit dem Ostast verstärken, ist Moser überzeugt.

Die regionale Verkehrskonferenz und die betroffenen Gemeinden suchen nun Möglichkeiten, um das Angebot des öffentlichen Verkehrs in der Region Biel zu verbessern. Wichtiger als das Verkehrsmittel ist laut Moser aber die Infrastruktur. «Zur chronisch verstopfen Nordachse und der chronisch verstopfen Südachse braucht es eine Mittelachse, eine Route, die den Bahnhof mit dem Bözingenfeld verbindet.» Wenn man auf dieser Strecke fahren könne, sei es egal, ob mit einem Bus oder einem Tram.

Auch XXL-Busse, wie sie SVP-Stadträtin Sandra Schneider vorgeschlagen hatte, könnten darum wieder ein Thema werden. Fehr sagt aber bereits:«Der grössere Bus kommt nicht schneller voran, man sitzt einfach bequemer im Stau.» Was die Situation innerhalb Biels angeht, dürfte auch ein Ausbau der Linie 2 entlang der Schüss diskutiert werden.

Moser, der das Transportunternehmen Funicar leitet, beobachtet viele Trends im Transportmarkt. «Wir müssen das verfolgen und eine Lösung finden, die wir heute vielleicht noch nicht vor Augen haben.» Denn das Regiotram, wie man es bislang diskutiert habe, sei mit der Sistierung gestorben.

Das Projekt Regiotram

  • Das Vorprojekt für eine neue Tramlinie durch die Stadt Biel liegt seit fast vier Jahren vor. Es sah eine Tramlinie am rechten Bielerseeufer, teilweise auf dem Trassee der BTI-Bahn, von Ins über Nidau bis ins Bözingenfeld vor, mit einer Gesamtlänge von 27 Kilometern, mit 32 Haltestellen, die im 7,5-Minutentakt angefahren worden wären.
  • Die Kosten wurden auf über 300 Millionen Franken geschätzt. Davon entfallen 235 Mio. auf das Regiotram an sich (die der Bund und der Kanton getragen hätten), 76 Mio. auf Begleitmassnahmen (die zum grössten Teil die Gemeinden gezahlt hätten).
  • Ende 2012 wurden die Abstimmungen über das Regiotram verschoben, das Projekt für zwei Jahre sistiert.
  • Die Stadt Biel hat rund 600’000 Franken in die bisherige Planung investiert.

Quelle: Jacqueline Lipp, Bieler Tagblatt

Kosten, Politik, Regiotram Biel

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