Schnäppchenjäger fahren in Basel per Tram ins Paradies

Mit der neuen Basler Linie «Tram 8 grenzenlos» lässt sich bequem und billig im deutschen Weil am Rhein einkaufen. Das Nachsehen haben die Basler Geschäfte.

Kurzer Weg von der Tramhaltestelle bis zu den Schiebetüren des Einkaufscenters in Weil – nur die Strasse ist zu überqueren. Bild: Dominik Pluess

Kurzer Weg von der Tramhaltestelle bis zu den Schiebetüren des Einkaufscenters in Weil – nur die Strasse ist zu überqueren. Bild: Dominik Pluess

Der Aufdruck ist sinnbildlich: «Einfach mehr in der Tüte.» Prall gefüllt liegt die Einkaufstasche auf der Sitzbank der Haltestelle Dreiländerbrücke. Davor zwei weitere Papiersäcke, die schier bersten, und einer dieser Shoppingtrolley, die sich auch nach einer grösseren Einkaufstour locker hinten nachziehen lassen. Ruth Lyrer, wohl gegen 60 Jahre alt, und ihre Tochter Fränzi waren einkaufen: für rund 70 Euro die Mutter, für 50 die Tochter – querbeet durch die Regale.

Aus Luzern sind sie angereist, mit dem Intercity dauert die Fahrt nach Basel exakt eine Stunde und eine Minute. «Wir haben beide ein GA», sagt die Mutter, die noch Teilzeit im Service arbeitet, «für uns ist das ein Ausflugsreisli.» Nein, ein schlechtes Gewissen gegenüber den einheimischen Geschäften in Luzern hätten sie deshalb nicht, lachen die beiden munteren Frauen. Nun warten sie aufs Tram, das sie zurück über die Grenze und in gut 25 Minuten wieder zum Basler Bahnhof bringt.

«Tram 8 grenzenlos»: Seit Mitte Dezember ist die zusätzliche Schlaufe in die deutsche Grenzstadt Weil am Rhein in Betrieb. Die Basler Verkehrsbetriebe (BVB) wollten damit den grenzüberschreitenden Wirtschaftsraum für die zahlreichen Pendler besser erschliessen, sagt Sprecherin Dagmar Jenny. An den Gesamtkosten von über 100 Millionen Franken beteiligten sich sowohl der Bund wie auch der Kanton Basel-Stadt, aber auch EU-Gelder flossen in das Projekt. Seit dem 15. Januar, seit der Aufhebung des Mindestkurses für den Euro, ist das 8er-Tram nun definitiv zum höchst willkommenen Verkehrsmittel für Schnäppchenjäger geworden.

Leere Innenstadt

Gleis 5, unmittelbar vor dem Haupteingang zum Basler Bahnhof SBB: Alle 15 Minuten fährt das Eurotram nordwärts. An Samstagen, wenn der Andrang besonders gross ist, verdoppeln die BVB die Frequenz auf 7 Minuten. Aber auch an diesem frühen Freitagnachmittag ist das grüne Tram der Linie 8 gut besetzt.

Auf dem Weg nach Deutschland, mitten durch die Basler Innenstadt mit all ihren herausgeputzten Läden, steigen deutlich mehr Menschen zu als aus. Vorbei am imposanten Rathaus aus rotem Sandstein. Auf dem Platz davor haben Marktfahrer ihre Stände aufgebaut und warten in der Kälte auf Kundschaft. Der Gemüse- und Obsthändler packt schon jetzt, kurz nach Mittag, seine Sachen zusammen – besonders viele der aufgetürmten Äpfel hat er nicht verkauft.

Eine Mutter und ihre zwei Kinder sind zugestiegen, teilen sich eine Sitzbank, sind ganz offensichtlich nicht zum ersten Mal im 8er unterwegs zum Grosseinkauf. Noch sind die niedlichen Kinderrucksäcke und der Einkaufstrolley leer. Gegen Abend, auf der Rückreise aus dem Euroland, werden sie reichlich bepackt sein. Das Ziel der Trämlifahrer: Das Rheincenter unmittelbar nach der Grenze.

Das mehrstöckige Einkaufsparadies begrüsst die Schweizer Kundschaft schon am Eingang mit doppelt besetzten Geldwechselschaltern. Wer im Auto anreist – die Nummern deuten auf Kundschaft aus dem ganzen Schweizer Mittelland hin – trifft auf 1100 Gratisparkplätze.

Bequem ins Center

Von der Tramhaltestelle bis zu den automatischen Schiebetüren sind es keine 50 Meter. Nur die Strasse ist zu überqueren. Zwei Strassenmusiker empfangen die vom 8er-Tram ausgespuckten, in Schüben eintrudelnden Einkaufstouristen mit russischer Volksmusik. Wenn sie das Center nach der Shoppingtour wieder verlassen, wird ihnen ein neben der Kasse montierter Drucker gleich die grünen Zettel ausspucken, die beim deutschen Zoll vorzulegen sind und zur Rückerstattung der Mehrwertsteuer berechtigen.

Rund 2000 Formulare, so die Schätzung einer Center-Mitarbeiterin, würden derzeit täglich ausgestellt. Das Rheincenter: Der hässliche Gebäudekomplex am Stadtrand von Weil am Rhein ist nicht erst seit der Freigabe des Eurokurses ein attraktives Ziel von Schnäppchenjägern aus der teuren Schweiz. Auf 50’000 Quadratmetern sind neben den diversen Einkaufsläden auch fünf Kinos mit 600 Sitzplätzen, ein Hotel mit 130 Betten, ein Fitnessstudio und zwei Zahnarztpraxen untergebracht.

Umsatz macht glücklich

In seinem geräumigen Büro oben im dritten Stock mit Aussicht auf den Rhein hat Günther Merz, der Center-Manager, nur ein vielsagendes Lächeln übrig auf die Frage nach den aktuellen Umsatzzahlen. Seit der Eurofreigabe bringe die Schweizer Kundschaft «zweistellige Zuwachsraten» – genauere Zahlen will er nicht nennen. «Der Schweizer kauft hier traditionell gerne Lebensmittel und insbesondere Fleisch ein», erklärt Merz, «dazu kommen sehr viele Drogerieartikel, auch Backwaren, Kleider.»

An eine besondere Werbekampagne, um den Umsatz mit Schweizern noch mehr anzukurbeln, denkt Merz nicht: «Wir verhalten uns ruhig.» Zunehmend unruhig reagiert hingegen die hiesige Seite der Landesgrenze: die Basler Politik. Vor allem der Samstagfahrplan mit dem 7-Minuten-Takt zur Bewältigung des Andrangs stösst inzwischen auf Kritik. Der Apothekerverband beispielsweise hat zwar ein gewisses Verständnis für die Taktverdichtung, hofft aber, dass es sich um «eine temporäre Sache» handle.

Ärger beim Gewerbe

Dafür ärgert sich FDP-Grossrat Roland Vögtli in der «Basler Zeitung» masslos über den «Affront gegenüber dem Gewerbe». Und Gabriel Barell, der Direktor des städtischen Gewerbeverbandes, fordert allen Ernstes eine Beteiligung der deutschen Seite an den Betriebskosten der Linie 8.

Tatsächlich sind die Basler Trams weit entfernt von einer ausgeglichen Betriebsrechnung: Die Stadt steuert alljährlich fast 66 Millionen Franken an die total 231 Millionen BVB-Kosten bei, der Bund und die Kantone übernehmen weitere 3 Millionen. Bisher ist Barells Idee allerdings ohne Echo aus Deutschland geblieben. An der Haltestelle Dreiländerbrücke warten inzwischen vielleicht drei Dutzend Leute geduldig aufs nächste Tram, das sie zurück nach Basel fährt. Möglich, dass die Grenzwacht noch Kontrolle macht, ein, zwei Stationen in Uniform oder in Zivilkleidern mitfährt. Geschmuggelt werde eigentlich «querbeet alles» und vor allem Fleisch, sagt Sprecherin Jasmin Blum.

Mehr als Stichproben machen die Zöllner aber nicht. Auch Manuela Döldös hat ihre Einkaufstasche gefüllt, jeden freien Stauraum des Kinderwagens genutzt: «mit Windeln». Etwa 50 Euro habe sie ausgegeben, Food kaufe sie eigentlich immer in der Migros. Jetzt ist sie mit den zwei Kleinen auf dem Heimweg. Die Stimmung in den bis auf einige Stehplätze gefüllten Tramwagen ist aufgekratzt, das muntere Plaudern der vorwiegend weiblichen Fahrgäste deutet auf einen erfolgreichen Shoppingtrip hin. Zumindest finanziell.

Und wer sich doch etwas schämt, im billigen Weil ennet der Grenze anstatt im heimischen Basel eingekauft zu haben, hat die Waren in unschuldige Einkaufstaschen der Migros verstaut. So entfällt zumindest der für die Basler Geschäfte doch zynische Werbeslogan: «Einfach mehr in der Tüte».

Quelle: Urs Zurlinden, Berner Zeitung

Politik, Regiotram Biel, Verkehr

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